Christliche Feiertage

An einem schönen Auffahrtsmorgen lese ich einen NZZ-Artikel über die Bedeutung der Auffahrt und denke dabei an die vielen Partyeinladungen auf Facebook für vergangene Nacht, welchen ich, da ich in der Nacht davor schlecht geschlafen hatte, nicht gefolgt bin.

Schon an Ostern beschlich mich das Gefühl, dass in einer durchsäkularisierten Gesellschaft wie der unsrigen religiöse Feste als allgemein verbindliche, gesetzliche Feiertage ihre Legitimation verloren haben. Sie werden von der Allgemeinheit als willkommene, gesetzlich anerkannte Freizeit begrüsst – an Ostern und Pfingsten fährt man weg, an Auffahrt schlägt man die Brücke bis übers Wochenende und erholt sich vom Stress des spätkapitalistischen Systems – aber der Sinn der Feste, die Geschichte dahinter ist nicht mehr im Bewusstsein der Menschen.

Eine radikale Figur wie Jesus ist sich das natürlich gewohnt. Er wäre heute nicht am Kreuz, sondern in der Klapse, während alle anderen seinetwegen blau machen. Er wurde in den vergangenen zwei Jahrtausenden für alle möglichen Dinge schwer missbraucht, aber selten in seinem überlieferten Handeln verstanden. Der grösste Verdienst der Kirche ist, dass sie die nach wie vor revolutionäre Kernbotschaft erfolgreich bis heute transportiert hat. Sonst ist sie aber auch nur mit Menschen durchsetzt, die sich besser oder schlechter an dieser Botschaft orientieren und in der Masse nun mal einen gewissen Selbst- und Besitzerhaltungstrieb entwickelt haben. Der für die Schäfchen vereinfachte Glaube war nie differenziert genug: bei den Katholiken prägte sich die Hierarchisierung – wenn auch historisch durch die Schismen erklärbar – zu stark aus, der Fokus lag zu sehr auf den Sünden und der Beichte, also der Abhängigkeit des Gläubigen von der Kirche; bei den Protestanten wiederum wurde Eigenverantwortung und Schriftorientierung zu gross geschrieben, wodurch das Sinnliche der Glaubenserfahrung und das Gefühl der Aufgehobenheit wieder litt.

Aber hier gehts mir nicht so sehr um die Kirche und nicht um die Massnahmen, die sie angehen muss, um die jüngeren Menschen wieder zu erreichen, sondern um die Kernbotschaft, die hinter all den ominösen Feiertagen, hinter mystischen, wenn nicht gar abstrakten Bildern wie der unbefleckten Empfängnis, der Auferstehung und eben der heutigen Auffahrt Christi steht. Und diese ist das Leben und Handeln von Jesus selber: die Hinterfragung des Establishments und der Machtverhältnisse; die kritische Diskussion mit Gelehrten; die Entwicklung einer eigenen Vision; der Zuwendung zu den Armen, Kranken und Outlaws; das Praktizieren von Nächstenliebe und Vergebung; die Aufopferung für die eigenen Überzeugungen.

Das sind natürlich alles Dinge, die die wenigsten Menschen leben. Vielleicht verschob sich in der Religion deshalb die Deutung von Jesu in Richtung “Sohn Gottes in Menschengestalt”, weil seine Handlungen so radikal waren. Die meisten Menschen sind einfach nicht so. Etwas Interessantes ist mir in diesem Zusammenhang noch aufgefallen. Die in der Bibel einige Mal verwendete Selbstbezeichnung Jesu, “Menschensohn”, deutet für mich – natürlich in bewusster Nichtbeachtung der historischen Begrifflichkeit und der gesamten Exegese – auch auf die nächste Generation, auf den neuen Menschen hin.

Da bleibt die Frage: Sind wir jetzt endlich die neuen Menschen? Gibt es eine Entwicklung? Are we ready yet? Die Antwort ist nein, aber gerade darum bleibt Jesus als ein zentrales Vorbild nach wie vor gültig.

Spread love, mit oder ohne Feiertage.

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