Totalität

An der gestrigen illuster besuchten Lesung des ungarischen Autors Péter Nádas im Zürcher Literaturhaus sagte dieser während der Diskussion mit Ilma Rakusa über sein soeben auf Deutsch erschienenes, thematisch und auch sonst umfangreiches Buch “Parallelgeschichten” auf die Frage, ob er das Buch mit einem totalen Anspruch geschrieben hatte, dass – sinngemäss – das europäische Denken nun mal eine Art Totalität anstrebe. Nun, ich kann ihn gut verstehen. Besonders aus ostmitteleuropäischer Perspektive erscheint Totalität, wo doch umso weniger erreicht, desto erstrebenswerter. Aber das Totale oder die Ganzheit – in seiner Komplexität – ist etwas, das auch in meinem Hirn herumgeistert und sich regelmässig Gefechte liefert mit Effizienz einerseits und mit Liberalität andererseits. Totalität ist immer auch antiliberal, unüberschaubar, ungewiss. Totalität ist ein Bschiss, und doch lieben wir Europäer sie. Sie ist verantwortlich für die Probleme, die wir haben. Sie kämpft für Mutter Europa, sie bewahrt, indem sie uns das Gefühl gibt, sie zerstört, indem sie uns lähmt. Umgekehrt ist es das Grundliberale und Antitotal(itär)e, was mich während meiner letztjährigen US-Westküstenreise so fasziniert und irritiert hat: die Möglichkeit, ohne Totalität zu leben, weil es im bewussten Nebeneinander auch ohne geht. Weil: we are not one, we are the people.

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