Am Ende der Nullerjahre

Wie im Flug vorbei gingen sie, die Nullerjahre, für unsereins jedenfalls.

(Zeitempfinden hat natürlich viel mit dem Lebensalter zu tun, und obwohl den Betreibern von fres.ch das Prädikat «Alter» im übertragenen Sinne noch keinesfalls zugeordnet werden kann, lässt sich feststellen, dass sie doch schon einiges erlebt haben in ihrem nicht mehr ganz so jungen Leben, das sich mit der Akkumulation von Erlebnissen und von Information bzw. Erfahrung im Bezug aufs Zeitempfinden empfindlich beschleunigt hat.)

Die Nullerjahre lassen sich aus unmittelbarer zeitlicher Nähe betrachtet, stichwortartig und im klassischen zeitgeschichtlichen Sinne etwa so zusammenfassen: das Platzen der Dotcom-Blase, die Terroranschläge in den USA, die darauf folgenden Vergeltungs- und Gelegenheitskriege der USA im Mittleren Osten, der verheerende Tsunami im Indischen Ozean, finanzwirtschaftliche Boomjahre im Westen mit folgendem Platzen der Immobilienblase in den USA und einer weltweiten Rezession. Die westliche Realwirtschaft intensivierte währenddessen in freudiger Erwartung hoher Gewinnmargen den Export ihrer Produktion und ihres Know-hows nach China, die USA setzte mit dem Verkauf von Staatsanleihen an China noch eins drauf – der Westen als Steigbügelhalter für das Reich der Mitte, der Weltmacht des 21. Jahrhunderts. (Und das alles wegen nicht einmal lang- sondern eher mittelfristiger Gewinnoptimierungen bzw. der höchstens kurzfristigen Verlängerung einer verhängnisvollen Schuldenwirtschaft.)

Die unmittelbare Lebenswelt im Westen hat die aufkommende Digitalisierung der Medien und der Kommunikation wohl am meisten verändert: der Siegeszug des Mobiltelefons, das Internet als universeller Informationsträger und Kommunikationsplattform, die Digitalisierung von Fotografie, Video und Audio, sowohl in der Aufnahme, in der Verarbeitung wie auch in der Distribution. Zeit und Raum wurden weiter und drastisch verkürzt und verengt, die universelle Erreichbarkeit und der weltweite Zugriff hat das gelernte und in den Nachkriegsjahren langsam verfestigte Kommunikations- und Medienkonsumverhalten des von der Festnetztelefonie und weitgehend unidirektionalen Medien geprägten Menschen des 20. Jahrhunderts vor neue Tatsachen gestellt und in eine Krise geworfen. Klare Tendenzen für ungeschriebene Kommunikationsregeln sind bislang weder für die Mobiltelefonie noch für die Internetnutzung festzumachen. fres.ch hat mit seiner Etablierung im Frühling 2000 diese Entwicklung vielleicht auch im unterbewussten Ahnen der Wichtigkeit dieser Erfahrungswerte mitgetragen.

Die Nullerjahre sind der Beweis, dass die Geschichte, wie es Fukuyama in seinem gehypten Buch von 1992 aufstellte, eben nicht zu Ende ist, und besonders nicht bezüglich eines sich nun durchsetzenden Staatssystems. China ist ja ein janusköpfiges Gebilde, dessen Führung «den Fünfer und das Weggli» (Schweizer Redensart) möchte. Hier pervertieren schiere Grösse und Entkoppelung grosser Teile des chinesischen Systems von der Weltwirtschaft die blauäugigen politischen Fortschrittstheorien aus Amerika. Auch Russland hat sich unter den Möglichkeiten entwickelt (was einige bestreiten mögen), und ob Medwedews Aufmümpfigkeit gegenüber dem etablierten System tatsächliche Wirkungen haben wird, ist ihm zu wünschen, aber sicher ist es nicht.

Ja, die Erderwärmung gibt es auch noch. Und tausend andere Probleme, inklusive der eigenen. Probleme, die einem, im Kleinen und im Grossen, immer wieder die Unzulänglichkeit, die Inkonsequenz, die Schläfrigkeit der Menschheit vorführen. Die Schwierigkeit, Ja zu einer inneren und äusseren Ausgeglichenheit und gleichzeitig ein entschiedenes Nein zum Mainstream, zum Mitläufertum zu sagen. Die eigene Position zu finden und zu vertreten, ohne andere Positionen zu verachten und abzustrafen, solange sie nicht böse sind.

Geschichte ist nie zu Ende und Übergangszeiten sind eben Übergangszeiten. Und wahrscheinlich sind die meisten Zeiten irgendwie und für irgendwen Übergangszeiten, und erst danach kommen Leute und teilen die Zeit ein und erstellen Kategorien, sagen wie es war. Und aus klugem Geschwätz der grossen Hirne wird das dumme Geschwätz der kleinen, (und selbst diesen kleinen Hirnen entfährt manchmal eine wunderbar wahre Wahrheit), und das Tun wird zweitrangig genauso wie das Leben zweitrangig wird, so verloren ist der Mensch in sich selbst, und dann tut wieder jemand etwas Dummes, das sich zu etwas Bösem auswächst, und dann geschieht wieder Geschichte.

Es ist wie ein grosses Hallenbad, Kinder planschen herum, viele wollen sich etwas im Wasser fortbewegen, ein paar wollen gezielt Längen schwimmen, und das Becken wird mit den Schwimmbahnteilern unterteilt, der Lärm widerhallt an der Decke und schwillt an zum manchmal störenden Geräuschpegel unserer Zivilisation. Ich liege auf dem warmen Mosaikboden auf meinem Badetuch und höre und schaue zu. Und singe eine kleine Melodie.

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