Fussball

Deutschland hats wieder mal geschafft. Nee, ich betreib jetzt kein Deutschland-Bashing, was als strammer Schweizer zwar meine innere Pflicht wär, odä, aber erstaunt war ich dann doch, als bei deutschen (Elfmeter-)Toren in der szenigen Fussball-Kantine “Helmut”, von Betreibern des Helsinki in den Bögen des Lettenviadukts temporär eingerichtet (für Szenegänger: gleich nebenan, wo damals Bananen und Frucht war), als also bei einem deutschem Erfolg in diesem Viertelfinalspiel gegen Argentinien kein Pfeifkonzert oder Affenlaute zu vernehmen waren, sondern ekstatische Schreie des versammelten immigrierten Teutonic Tribe.

(Seit einiger Zeit herrscht Personenfreizügigkeit mit den EU-Staaten, die Deutschen haben die Italiener als grösste Gruppe von Ausländern mit Wohnsitz im Raum Zürich abgelöst.)

“Uh, oh”, dachte ich. “Die Deutschen sind tatsächlich hier!” Und: “Wie in aller Welt haben sie diese Bar gefunden?” Ich verstand die Welt nicht mehr. (Dabei fliesst, wie wir wissen, ja alles.) War es etwa der Name der Lokalität gewesen: Helmut!? Diesen Namen mussten schliesslich viele Deutsche, ob sie nun wollten oder nicht, mit der Einheit 1990 verbinden, dem zweiten “Wir sind wieder wer” nach 1954. Ob es das gewesen war? Hmm…

Eine freundliche Deutsche neben mir erklärte mir dann, dass für sie und ihre Landsleute in Zürich höchstens noch der Helsinki Club eine annehmbare ausgehmässige Anspielstation sei, und dass sie über diesen Club von diesem Lokal erfahren hätten. Ich stutzte. Dies veränderte meine Sicht auf die den immigrierten Teutonic Tribe natürlich nachhaltig: Das mussten ja alle richtig coole Immigrierte sein, die sich z. B. in der Labor Bar, im Purpur, dem Nachtflug und all diesen neokonservativen Lokalitäten völlig unwohl fühlen. Urplötzlich wurde ich zum Universal-Menschenfreund und schloss – ganz gegen Goldhagen – auch unsere nördlichen Nachbarn als Kollektiv ins “saftige Steak” zu welchem sich mein Herz unversehens “geweitet” hatte (Helge S.).

Und doch wurde mein Gewissen wenig später noch einmal eingehend geprüft: Nach diesem für unsere nördliche Nachbarn tatsächlich siegreichen Spiel kam es zur vor wenigen Jahren völlig undenkbaren Szene – ich war auf dem Nachhauseweg Richtung Wipkingen – auf Zürcher Strassen Autohupen zu hören, die den deutschen Sieg feierten. Das war wiederum sehr seltsam und stimmte mich etwas nachdenklich. Ich dachte ganz schnell und unreflektiert “Wien 1938”, aber verwarf diesen gemeinen Gedanken gleich wieder, blendete er schliesslich meine eigene Fussballgeschichte etwas aus, die keineswegs immer von “aber sicher nöd für die Tüütschä” geprägt war.

I confess: Im WM-Jahr 1982, dem Jahr meines einzigen ausgefüllten WM-Panini-Albums, fieberte ich, inspiriert von meinem halb deutschen Nachbar K.G., eifrig mit der deutschen Mannschaft mit: Karlheinz Rummenigge, Paul Breitner, Hansi Müller, Klaus Fischer, Toni Schumacher – sie alle waren meine Idole. Die toitsche Mannschaft! Ich war Fan. War begeistert über den Halbfinal gegen Frankreich, den Torreigen erster Güte! Und weinte ganz allein auf der Piazza San Marco in Venedig am Abend des Finals, als die Italiener die Deutschen schlugen. Ich hasste Paolo Rossi, kratzte sein Bild aus dem Panini-Album. Und kaufte mir nach der WM ein Büchlein, das in etwa den heroischen Titel trug “Deutschlands Weg ins Endspiel der WM 1982”. Irgendwann aber wandte ich mich ab von der deutschen Mannschaft und zerriss selbiges Büchlein, aus einem einfachen Grund: “Aber sicher nöd für die Tüütschä!” Panta rhei …

Zu den Tavianis: Ja, Odyss, recht hast du schon, kenne banausenhaft nur “Padre padrone”, welcher mich nicht zu lange her sehr beeindruckt hat. Zusammen mit deinen wertvollen Voten eine Motivation, sich mal ein paar mehr Filme der Brüder anzusehen, da häsch rächt.

2 Responses to “Fussball”

  1. odysseus Says:

    “Je ne comprends pas”, sagte meine welsche Grossmutter jeweils ungläubig, wenn am Fernseher Fussball-Unterhaltung aufblitzte. Eine tiefe Abscheu gegenüber jeder Art von geistiger Armut war ihr zu eigen.

  2. admin Says:

    Exactement.

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